Uni-Logo
Sie sind hier: Startseite Seminar Prof. Dr. Maarten J.F.M. Hoenen Forschungskolloquium
Artikelaktionen

Forschungskolloquium

fkcopertina


Mittelalterliche Philosophie.  Aktuelle Themen der Forschung

   

DIE FABRIK DES WISSENS

 

Das Wissen, sogar die abstrakteste philosophische Idee, schwebt nicht (oder nicht nur) in einem ewigen geistigen Himmel, sondern stellt (auch) ein Produkt menschlicher Tätigkeiten dar, das ein komplexes Dispositiv voraussetzt. Im Forschungskolloquium werden wir vier Einrichtungen, die für dieses Dispositiv konstitutiv sind, untersuchen. 

In jeder der vier Sitzungen (Fr 14-18 Uhr) werden wir gemeinsam mit einer Referentin einen der folgenden vier Aspekte ausgehend von einer historischen Perspektive behandeln. Im ersten Teil des Kolloquiums (14-16 Uhr) werden wir einen Text seminarartig lesen und kommentieren, während die Gastrednerin im zweiten Teil (16-18 Uhr) zu ihren aktuellen Forschungen vortragen wird. 

1) Am 23. Juni wird Frau Dr. Vanina Kopp (Deutsches historisches Institut Paris) die Bedeutung der materiellen Wissensorganisation durch die Architektonik einer der berühmtesten Bibliotheken des Spätmittelalters (um 1400) veranschaulichen („Der König und die Bücher. Zum kulturwissenschaftlichen Umgang mit der mittelalterlichen Louvrebibliothek“). 

2) Am 30. Juni wird Frau Dr. Anna Tropia (Humboldt-Universität zu Berlin) die Rollen der Lehre als Vermittlung, Indoktrination und Umformung des geerbten Wissens am Beispiel des ersten Kurses zur aristotelischen Psychologie am Pariser jesuitischen College (1564) behandeln („The first Jesuit philosophical course taught at the Parisian College: Maldonado's De natura, origine et immortalitate animae, 1564“). 

3) Am 7. Juli wird Frau Dr. Silvia Negri (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg) über die Demut als wissenschaftliche Tugend, die im Mittelalter eingehend erörtert wurde, referieren. Diese geistige sowie körperliche Einstellung setzte ein gewisses Selbstbild (self) des Intellektuellen voraus oder trug umgekehrt zur Konstitution dieses Selbstbildes bei („Mens humilis. Zur mittelalterlichen Ethik des Wissens“). 

4) Endlich werden wir uns am 14. Juli mit der Wissenssystematisierung, bzw. mit der enzyklopädischen Einordnung der Kenntnisse beschäftigen. Frau Dr. Maria Evelina Malgieri (Università degli Studi di Bari Aldo Moro) wird ein paradigmatisches Beispiel für diese Art vereinfachtes Handhaben des Wissens behandeln: das Historische und Kritische Wörterbuch von Pierre Bayle, das an der Schwelle der Moderne (1697) verfasst wurde („Bayles' Dictionnaire im Spannungsfeld zwischen Biographie und Begriff“).

Studierende aus dem Master Philosophie und Studierende aus dem Master-Programm Mittelalter- und Renaissance-Studien müssen zum Erwerb von 3 ECTS-Punkten an allen Sitzungen teilnehmen und die Textlektüren eingehend vorbereiten.

Die Veranstaltung findet viermal im Semester statt. Termine: 23.06.2017, 30.06.2017, 07.07.2017, 14.07.2017.

Um die Texte (bzw. das Passwort des ILIAS-Kurses) im Voraus zu erhalten, können die Teilnehmer die Dozentin (Catherine König-Pralong) ab Semesterbeginn anschreiben.

   

 

Programm SoSe 2017


Textlektüre: 

14:15-16:00 Uhr 

Vortrag: 

16:15-18:00 Uhr

 

23.06 HS 1108 (KG I)

Dr. Vanina Kopp (Deutsches historisches Institut Paris)
Der König und die Bücher. Zum kulturwissenschaftlichen Umgang mit der mittelalterlichen Louvrebibliothek

30.06 HS 1108
(KG I)

Dr. Anna Tropia (Humboldt-Universität zu Berlin)
The first Jesuit philosophical course taught at the
Parisian College: Maldonado's De natura, origine et immortalitate animae, 1564

07.07 HS 1108 (KG I)

Dr. Silvia Negri (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg)
Mens humilis. Zur mittelalterlichen Ethik des Wissens

14.07 HS 1224
(KG I)

Dr. Maria Evelina Malgieri (Università degli Studi di Bari Aldo Moro)
Bayles' Dictionnaire im Spannungsfeld zwischen Biographie und Begriff

 

 

 

Bisherige Vorträge 2013-2016

  

Dr. Cecilia Muratori (Warwick)

Dangerous Discipline: The Medieval and Renaissance Debate on Religious Vegetarianism

Freitag, 8. Juli 2016, 16 Uhr c.t., HS 1224 (KG I)

Before the term ‘vegetarianism’ was coined in the 1840s, the diet that excludes meat was often referred to as ‘abstinence’. This paper explores the intersection of medicine, philosophy and religion in the rejection of meat, highlighting in particular the religious connotation of vegetarianism as abstinence (abstinentia). First, I will consider one of the main debates on religious vegetarianism, stretching from the Middle Ages into the Renaissance, namely the one on the vegetarian, or semi vegetarian diet of the Carthusian monks. This is a debate that involved doctors, such as Arnau de Vilanova, but also philosophers, humanists and theologians (such as Jean Gerson and Erasmus) and focused on the question whether by eating a vegetable diet the Carthusian monks would endanger their health for lack of nourishment. In the second part of the talk I will turn to the question whether vegetarianism, or at least a reduction in meat consumption might in fact have a beneficial effect not only on those engaged in religious activities, but on all who engage in speculation, including the philosophers. I will here consider the approaches of two main Renaissance philosophers who reflected on vegetarianism: Marsilio Ficino, who first translated sections of Porphyry’s On Abstinence into Latin; and Girolamo Cardano, whose dialogue Theonoston features as protagonist a hermit with strong vegetarian sympathies.

 
 

Prof. Dr. Luisa Valente (Rom)

Contemplatio philosophorum: Philosophie, Gesellschaft und monastisches Ideal in Peter Abelards Schriften

Freitag, 17. Juni 2016, 16 Uhr c.t., HS 1108 (KG I)

Der Vortrag betrifft die ‘Metaphilosophie’, die wir in den Schriften Peter Abelards finden können. Mit ‘Metaphilosophie’ Peter Abelards meine ich Abelards Äußerungen darüber, was Philosophie ist; was es heißt, ein Philosoph zu sein; wie die Philosophen leben und welche ihre Rolle in der menschlichen Gesellschaft ist.

Sechs Thesen sind in Abelards Vorstellung der Philosophie zentral:

  1. Philosophie und Christentum sind zwei homogene und zusammenhängende Traditionen, da Christus die wahre Sophia ist. Antike Philosophie und Christentum sind grundsätzlich zwei verschiedene Ausdrücke einer und derselben anthropologischen Anlage.
  2. Gleich wie das Christentum ist die Philosophie hauptsächlich nicht ein System von Lehren, Theorien und Kenntnissen, sondern vielmehr eine Lebensform. In christlichen Zeiten entspricht das philosophische Leben ursprünglich dem Leben der Apostel und später dem Leben der Mönche.
  3. Philosophie schließt die Freiheit ein, nämlich die Freiheit, nach Vernunft (ratio) und natürlichem Gesetz (lex naturalis) zu leben. Beide, Vernunft und natürliches Gesetz, stehen mit dem Evangelium in Einklang.
  4. Es gab und es gibt unterschiedliche Arten von Philosophen; dementsprechend gab es und gibt es verschiedene Sorten christlicher Menschen und Mönche. Dabei gibt es unter anderem authentische und falsche oder nur oberflächliche Philosophen, so wie es wahre und falsche oder nur oberflächliche Christen gibt.
  5. Der Hauptunterschied zwischen verschiedenen Menschentypen liegt in der Verschiedenheit ihrer Wünsche (desideria), was ihre Objekte und ihre Intensität betrifft. Das Streben nach Wissen, nach Philosophie, nach Kontemplation, nach Glück und Seligkeit, nach Gott und dem Gemeinwohl der Menschen und der Welt sind grundsätzlich dasselbe Streben.
  6. Die menschliche Gesellschaft ist eine hierarchisch gegliederte Struktur, die aus unterschiedlichen Menschengruppen besteht. Jede Gruppe hat ihre besondere Lebensform. Philosophen bzw. Mönche spielen eine besondere Rolle in der Gesellschaft: Sie sollen anderen Menschen Vorbild sein und sie mit Worten und durch das Beispiel ihres eigenen Lebens zur Schlichtheit, zu tugendhaftem Leben und zur Kontemplation auffordern. [Text: Prof. Dr. Luisa Valente]

 

Prof. Dr. Ulrich Rudolph (Zürich)

Al-Ghazâlî (gest. 1111) gegen die Ewigkeit der Welt. Eine Debatte zwischen Philosophie und Theologie?

Freitag, 3. Juni 2016, 16 Uhr c.t., HS 1224 (KG I)

Spätestens vom 11. Jahrhundert an spielte die Philosophie (insbesondere die Philosophie Avicennas) in den intellektuellen Debatten der islamischen Welt eine herausragende Rolle. Dabei kamen verschiedene Haltungen und Positionierungen zum Ausdruck, von der uneingeschränkten Bewunderung Avicennas (gest. 1037) über die (partielle) Anwendung seiner Philosophie auf andere Denktraditionen und Disziplinen (Theologie, Sufismus) bis hin zur völligen Ablehnung seiner Lehre. Al-Ghazâlî (gest. 1111) wird in der Regel dem Lager der Philosophiegegner zugerechnet. Als Beleg dafür gilt sein berühmtes Werk über Die Inkohärenz der Philosophen (Tahâfut al-falâsifa), das sich in zwanzig Kapiteln kritisch mit der Metaphysik und Physik Avicennas und anderer Denker auseinandersetzt. Eines dieser Kapitel ist der philosophischen Lehre von der Ewigkeit der Welt a parte ante gewidmet. Al-Ghazâlî verwirft sie zugunsten der theologischen Lehre von der zeitlichen Geschaffenheit der Welt, untersucht aber sehr genau die Argumente der Philosophen sowie die Begrifflichkeit („Zeit“, „Möglichkeit“ usw.), die in diesem Zusammenhang von ihnen verwendet wird. Diese Untersuchung wollen wir im Vortrag sowie in der anschließenden Textlektüre nachvollziehen. Dabei geht es einerseits um die Rekonstruktion der Argumente al-Ghazâlî’s, andererseits um deren Einordnung. Ist seine Darstellung als Verteidigung eines theologischen Dogmas zu verstehen oder als Kritik am Dogmatismus der Philosophen, womit sich die Möglichkeit einer kritischen Philosophie eröffnen würde? 

 

Prof. Dr. Stephan Meier-Oeser (Münster, Berlin)

Die Bedeutung der spätscholastischen Logik für die Entstehung der protestantischen Hermeneutik

Freitag, 13. Mai 2016, 16 Uhr c.t., HS 1108 (KG I)

Die historische Sequenz von Mittelalter und Früher Neuzeit wird häufig als ein radikaler Umbruch beschrieben, in dessen Verlauf ein überlebtes Bildungs- und Wissenschaftsparadigma von einem sich auf ganzer Linie durchsetzenden Gegenmodell abgelöst wird. Bei näherem Zusehen zeigt sich jedoch, dass dieser Prozess tatsächlich weitaus komplizierter und durch ein komplexes System von Brüchen, Kontinuitäten und Transformationen gekennzeichnet ist. 

Im Vortrag wird die Genese der frühneuzeitlichen (protestantischen) Hermeneutik im Sinne einer allgemeinen Kunst des regelgeleiteten Verstehens fremder Äußerungen (Hermeneutica generalis) nachgezeichnet. Dabei wird deutlich, dass   trotz der zeittypischen Scholastikkritik charakteristische Lehrstücke der spätscholastischen Logik, wie die Suppositionstheorie und die Exponibilienlehre für die Entstehung der Hermeneutik von erheblicher Bedeutung waren und über deren Vermittlung sogar noch Spuren in der logischen Semantik der Aufklärung hinterlassen haben.

 

Dr. Haim Mahlev (Berlin)

"Die von dem heutigen Jüdenthumb / und dessen Geheimen Kabbala Vergötterte Welt": Spinozismus, Atheismus, und die Abwertung des Judentums in der deutschen Frühaufklärung

Freitag, 05. Februar 2016, 16 Uhr c.t., HS 1224 (KG I) 

In seinem 1699 erschienenen Werk Der Spinozismus im Jüdenthumb, argumentiert Johann Georg Wachter, es sei nutzlos zu versuchen, das jüdische Gesetz zu widerlegen, da Christen das Verständnis davon fehle. Die beste Methode, behauptet Wachter, "die Juden wol und glücklich zu widerlegen / seit deme sie zum philosophieren gerathen seynd / [sei] die PHILOSOPHIA". Mit Philosophie ist die Lehre Spinozas gemeint, die die Kabbala systematisierte und sie als Metaphysik darstellte. Damit beginnt ein Prozess der Diskreditierung der Kabbala, denn sie wird als Verkörperung des Judentums, atheistisch und gottlästerlich, 'schlechte' und verdorbene Philosophie interpretiert.

Die Diskreditierung der Kabbala kann somit als Mittel zur Abwertung des Judentums verstanden werden, die zugleich die Rolle des Judentums für das Christentum grundsätzlich hinterfragt. Wählt man indes eine weitere, ideengeschichtliche Perspektive, erkennt man in diesem Vorgehen einen Prozess, der in der Frühaufklärung seinen Anfang hat und im späten 18. Jahrhundert kulminiert: Der Wert von Wissenskorpora, die bisher als authentisch und pur, als prisca sapientia betrachtet wurden, wird in Frage gestellt. Kabbala, Corpus Hermeticum und morgenländische Denkströmungen werden somit hinterfragt, widerlegt und schließlich gänzlich verworfen, während zugleich versucht wird, eine dauerhafte Definition einer ‚wahren‘ Philosophie zu etablieren. Dies mündet in verschiedene Konstruktionen von „Vernunftreligionen“, sowohl im Judentum als auch im Christentum, wobei das mystische Wissen fast eine Art (Wieder-)„Verhüllung“ erlebt. [Text: Dr. Haim Mahlev]

 

Prof. Dr. Sebastian Günther (Göttingen)

Bildungsphilosophien im Klassischen Islam: Grundzüge und Spezifika

Freitag, 22. Januar 2016, 16 Uhr c.t., HS 1019 (KG I) 

Als ein für die Geschichte der Bildungsphilosophien im Islam zentrales Genre des klassischen arabisch-islamischen Schrifttums erweist sich die ādāb al-ʽālim wa-l-mutaʽallim Literatur, d.h. Abhandlungen mit umfangreichen Ratschlägen zu den „Verhaltensregeln für Lehrende und Lernende.“ Diese reiche Quelle zu den frühen Entwicklungen des Bildungsdenkens im Islam ist allerdings von der historischen Bildungsforschung bislang nur ganz unzureichend erschlossen worden. Unter diesen Voraussetzungen bietet dieser Vortrag Einblicke in einige der frühesten arabischen Werke, die sich dezidiert mit Fragen des Lehrens und Lernens beschäftigen. Im Ergebnis der Betrachtungen wird der Frage nachgegangen, ob und inwieweit die pädagogischen Aussagen in diesen mittelalterlichen Quellen für die aktuellen Bildungsdiskurse unserer modernen Gesellschaften noch oder wieder relevant sind. [Text: Prof. Dr. Sebastian Günther]

 

Prof. Dr. Fiorella Retucci (Lecce / Köln)

Der Prozess gegen Meister Eckhart und seine Folgen: Heinrich Seuses "Buch der Wahrheit"

Freitag, 18. Dezember 2015, 16 Uhr c.t., HS 1224 (KG I)

Am 27. März 1329 verurteilte Papst Johannes XXII. durch die Bulle In Agro dominico 28 Sätze, die aus Meister Eckharts lateinischen und deutschen Werken stammen. Die Verurteilung betraf nicht den Meister selbst, der ca. ein Jahr zuvor starb. Sie war mit der alleinigen Absicht geschrieben, die Verbreitung der Eckhart’schen Lehren zu verhindern. Die in der Bulle enthaltene Verurteilung der Schriften Eckharts blieb aber nicht nur bei den deutschen Dominikanern, sondern auch bei anderen Orden unberücksichtigt: Heinrich Seuses Buch der Wahrheit bot ein Beispiel dieser Mißachtung der päpstlichen Bulle. Das Buch der Wahrheit ist in der Tat eine deutliche Reaktion auf die päpstliche Verurteilung von Eckhart. Im ganzen Werk verteidigt Seuse mehrere Thesen Eckharts, die explizit in der päpstlichen Verurteilung involviert waren. Die apostolische Konstitution In Agro Dominico findet im Buch der Wahrheit durchgängig eine Entsprechung. Seuse versucht, bestimmte Lehren Eckharts zu erklären, die der Papst verurteilt hat. Der öffentliche Zweck des Buches der Wahrheit war dann, die gefährlich lautenden Thesen, die aus den Werken Eckharts stammen, der autoritativen Interpretation der Kirche zu unterwerfen. Der Vortrag versucht die Frage zu klären, wie Seuse Eckhart verteidigt hat. [Text: Prof. Dr. Fiorella Retucci]

 

Prof. Dr. Thomas Ricklin (München)

"con intenzion da non esser derisa" (Pd.4.57). Dante und die Commentarii in Somnium Scipionis des Macrobius.

Freitag, 20. November 2015, 16 Uhr c.t., HS 1224 (KG I)

Wie im Titel angekündigt, versucht der Vortrag die Frage zu klären, ob Dante den Kommentar des Macrobius zu Ciceros Traum des Scipio (Rep. 6, 9-26) gekannt hat. Einführend wird kurz die historisch nicht ganz belanglose Forschungslage zu dieser Fragestellung umrissen und die Überlieferungssituation von Scipios Traum und dem entsprechenden Kommentar des Macrobius knapp skizziert. Darauf werden im ersten Hauptteil des Vortrags im Umfeld der neuralgischen Stellen des Paradiso (also vor allem Pd. 4 und Pd. 22) allfällige Spuren von Macrobs Kommentar gesichtet. Der zweite Hauptteil des Vortrags stellt die Frage nach den möglichen Implikationen einer Kenntnis des Macrobius-Kommentars durch Dante. Auch diese Frage wird bewusst aus historischer Perspektive angegangen, so dass der Vortrag aller Voraussicht nach mit Albertino Mussato und Petrarca schließen wird. [Text: Prof. Dr. Thomas Ricklin]

  

Potency (and act) in Avicenna's metaphysical system: an analysis of potentiality

Freitag, 10. Juli 2015, 16 Uhr c.t., HS 1224 (KG I)

My intent is to focus on some key concepts of Aristotelian (and Neoplatonic) metaphysics - potentiality, power and potency - which should be recognized as central to Avicenna's metaphysics.  I take potentiality in a very broad sense and I shall attempt to present the definition Avicenna himself gives of both potency (quwwa) and power (qudra). Indeed, the analysis of the concept of potentiality allows us to get to the heart of Avicenna's metaphysics, while also revealing some of the relevant problems: if it is true that potency and act are among the proper accidents of the existent qua existent (see Ilāh. I, 1, pp. 7-8 and 14), it is also true that Avicenna does not include potency and act among the kinds of "status" of existence he lists in Ilāh. VI, 3 (p. 276, 12-14). If it is true that in some texts he seems to equate potency and possibility  (e.g. Ilāh., I, 4, p. 25, 4), it is also true that possibility cannot considered to be identical to potency. My object is to highlight some of the theoretical elements that seem relevant to Avicenna's conception of potentiality. In so doing I shall analyze different concepts: potentiality (in the sense of reception and as a principle of becoming), possibility, matter, and finally power (qudra). I shall refer for the most part, although not exclusively, to Avicenna's Metaphysics, the Ilāhiyyāt of K. al- Šifā' (and particularly to Ilāh. IV, 2). [Text: Prof. Dr. Olga Lizzini]

 

Prof. Dr. Jacob Schmutz (Paris)

Warum haben die mittelalterlichen Übersetzer der Arabischen Philosophie den Islam verpasst? Vergleichende Bemerkungen zur Struktur der Glaubenstraktate zwischen Islam und Christentum (1000-1300)

Freitag, 12. Juni 2015, 16 Uhr c.t., HS 1224 (KG I)

Die große Übersetzungsbewegung arabischer Texte im 12. und 13. Jahrhundert wird oft als ein Moment mittelalterlicher „Aufklärung“ gelobt und die arabische Tradition als „Erbe“ des Abendlandes dargestellt. In diesem Vortrag werde ich versuchen, dieses Narrativ etwas einzuschränken. Obwohl in der Tat eine große Zahl philosophischer und wissenschaftlicher Werke übersetzt wurde, hat der Westen jedoch kein einziges islamisches Glaubensbekenntnis (‘aqīdah) und auch kein einziges Werk spekulativer islamischer Theologie (kalām), wie z.B. Māturīdīs Kitāb at-Tawḥīd [Buch der Einheit Gottes] oder Al Ghazālīs Kitāb al-‘ilm [Buch des Wissens] ins Lateinische übersetzt: Der Westen hat dadurch bewusst das griechisch-arabische Erbe dem eigentlich islamischen vorgezogen. Dadurch entstand seit dem 13. Jahrhundert ein Bild des islamischen Glaubens, welches völlig durch die aristotelische Psychologie der übersetzten falāsifa („Philosophen“) geprägt ist und nicht durch die Debatten über die Natur des Glaubens (īmān) der islamischen Rechtsgelehrten und Traditionalisten. Scholastiker wie Albert der Große oder Thomas von Aquin konnten dadurch die auf Augustinus zurückgehende christliche Glaubenstheorie als eine Korrektur des griechisch-arabischen Verständnisses deuten und den Islam als eine rein ritualistische Religion darstellen – ein Bild, welches den „politischen Averroismus“ des späten Mittelalters weiterhin lange prägen wird. Zum Schluss werde ich versuchen zu zeigen, dass dieses mittelalterliche Islam-Bild bis in die religiös-politischen Debatten des 20. Jahrhunderts reicht: von Leo Strauss bis zur Regensburger Vorlesung des Papstes Benedikt XVI. (2006). [Text: Prof. Dr. Jacob Schmutz]

 

Prof. Dr. Pieter De Leemans (Leuven)

Questioning Aristotle in the Middle Ages. Texts and Intertextuality

Freitag, 22. Mai 2015, 16 Uhr c.t., HS 1224 (KG I)

In 1930, the International Union of Academies founded the Aristoteles Latinus project; aim of this project was to make available in modern critical editions all medieval Latin translations of the Corpus Aristotelicum, which are among the most important source-texts of medieval philosophy and science. 85 years later, this lecture intends to focus on the state-of-the art of the enterprise, its history, its accomplishments, and its future challenges. I will argue that the project, by its philological and codicological approach, offers an idiosyncratic view on (the history of) medieval philosophy.

In the text seminar, an illustration will be offered of how the translations that are part of the editing project were put to use by medieval scholars. More particularly, we will focus on the medieval questions on De motu animalium, of which those by Jean de Jandun are probably best known. We will compare fragments of several commentaries (all of which are unedited), and dwell on questions such as: how are they related? are they the locus of profound scholastic debate? to what extent did the rediscovery of De motu animalium

contribute to an interest in zoology? [Text: Prof. Dr. Pieter de Leemans]

 

Dr. Chiara Adorisio (Rom)

Salomon Munk: Jewish philosopher and Historian of Philosophy. His Life and His Work

Freitag, 8. Mai 2015, 16 Uhr c.t., HS 1224 (KG I)

Salomon Munk (1803–1867), a German-Jewish Orientalist who emigrated to France in order to advance his academic career, which was denied to him as a Jew in nineteenth century Germany, is one of the most neglected figures among the founders of the Jewish movement called Wissenschaft des Judentums. Today he is predominantly known as the translator and commentator of the French edition of Maimonides’ Guide of the Perplexedfrom the original Judeo-Arabic, but he was as also an extraordinarily prolific scholar, who combined the study of oriental languages, of philology and of the history of Jewish and Islamic thought. Using Munk’s biography, published by his assistant Moise Schwab in 1900, as a place to begin, in my presentation I shall identify three threads or currents that are interlaced in Munk's work. Doing this I will also show the importance of Munk's work, for the development and flourishing of Oriental studies in France, on the one hand, and on the other hand, on German philosophical historiography.  [Text: Dr. Chiara Adorisio]

 

Philosophia naturalis: Bestimmung und Schicksal einer vergessenen philosophischen Disziplin

Samstag, 7. Februar 2015, 10 Uhr c.t., HS 1228 (KG I)

Nach Aristoteles gibt es drei theoretische Wissenschaften: die Metaphysik befasst sich mit bestehenden, nicht-körperlichen Dingen; die Mathematik mit nicht-bestehenden, körperlichen Dingen; und die Physik mit allen bestehenden, körperlichen Dingen. Damit gehörte die Behandlung der gesamten sichtbaren und sich notwendigerweise bewegenden Welt zur Physik – vom einfachsten Element über strukturierte Kristalle, wachsende Pflanzen, wahrnehmende Tiere und die erkennende menschliche Seele bis hin zu den Schneeflocken und den kreisenden Planeten. Diese aristotelische Disziplin, die sich mit der gesamten natürlichen Welt abgab, wurde im lateinischen Mittelalter als Philosophia naturalis an allen Universitäten behandelt. Sie blühte und gedieh bis ins siebzehnte Jahrhundert, in welcher sie sich unter dem Gewicht neue methodologischer Ansätze, des Experimentalismus und der Mathematisierung einzelwissenschaftlicher Bereiche aufzulösen begann. Dieser Vortrag behandelt nicht nur die Geschichte dieser erfolgreichen philosophischen Disziplin, sondern auch deren schattenhaftes Fortbestehen bis in unsere Tage. [Text: Prof. Dr. Christoph Lüthy]


Dr. Iva Manova (Padua/Sofia)

Questioning the Matter: Soviet Philosophical Historiography in the 1960s-70s

Samstag, 17. Januar 2015, 10 Uhr c.t., HS 1228 (KG I)

Soviet philosophical historiography was formed in the course of a multifaceted process that began in the 1920s-30s, and it came to maturity about three decades later. Its birth and its initial development were closely linked to the influence – both theoretical and political – of Vladimir Lenin and, for a certain period, of Joseph Stalin. According to the methodology and the purpose explicitly assigned by Lenin to philosophical historiography, this was supposed to be a strictly “scientific” activity, capable of revealing the basic structure of the historical-philosophical process, which consisted in the relenless struggle between materialism and idealism, and the progressive maturation of philosophical thought towards historical and dialectical materialism. Soviet historians of philosophy had to develop their work by adhering strictly to this scheme and the majority of them took this task very seriously. However, the results of their work were constantly the subject of fierce debates, which involved not only the scholars' community, but also the political authorities. Although there can be no doubt that those debates depended on periodic changes in the political situation, it is equally certain that they were due also to purely “philosophical” reasons, as far as Soviet scholars could not and did not interpret the historiographical scheme they had to adhere to, in a uniform manner. These facts suggest the need of a closer study of the specific ways in which, beyond the ordinary declarations of principle, Soviet historians of philosophy built their representations of philosophy’s past. Within such a general perspective, our lecture aims to give a critical overview of two different fields of historical-philosophical practice in the Soviet Union, namely the studies on Spinoza, and on medieval philosophy, as they were developed in the 1960s and ’70s. [Text: Dr. Iva Manova]

 

Prof. Dr. Ruedi Imbach (Paris/Fribourg) 

Metaphysik am Basler Konzil

Samstag, 20. Dezember 2014, 10 Uhr c.t., HS 1228 (KG I)

Heymericus de Campo (+ 1460) hat während seines Aufenthaltes am Basler Konzil (1432-1435) eine umfassende Schrift verfasst, die als metaphysischer Traktat betrachtet werden kann. Anlässlich der Publikation dieses Werkes – Colliget principiorum – darf die Frage gestellt werden, was es zu bedeuten hat, dass ein Konzilstheologe, der sich eindeutig für die Thesen der konziliaristischen Partei eingesetzt hat, dazu bewegt, seine freie Zeit der Metaphysik zu widmen. Wer diese Frage stellt, wird dazu geführt, die Beziehung philosophischer Werke zum Ort ihrer Entstehung zu untersuchen. Was bedeutet es unter philosophischer Perspektive, dass ein Denker zum Zeitpunkt t1 am Ort l1 den Text T1 verfasst? Gibt es eine Beziehung zwischen diesem unmittelbaren räumlichen, zeitlichen und selbstverständlich gesellschaftlichen Kontext und den im Text T1  artikulierten Gedanken? Am Beispiel des bislang kaum erforschten Traktats soll gezeigt werden, dass es sich lohnt, diesen historiographischen Weg zu beschreiten. Es kann nämlich gezeigt werden, dass die von Heymericus vertretene Position eines moderaten Universalienrealismus keineswegs politisch neutral ist, besser: dass Heymericus seine metaphysischen Spekutlationen (auch) im Kontext eines ideenpolitischen Disputs mit gesellschaftlichen Implikationen geschrieben hat. Die Frage des Verhältnisses von Metaphysik und Politik muss auf diese Weise aufgeworfen und diskutiert werden. [Text: Prof. Dr. Ruedi Imbach]


Prof. Dr. Anke von Kügelgen (Bern)

Philosophie und Islam um 1900

Samstag, 13. Dezember 2014, 10 Uhr c.t., HS 1228 (KG I)

Philosophie und Wissenschaft erschienen namhaften Intellektuellen des Nahen und Mittleren Ostens um die Wende zum 20. Jahrhundert als Rettungsringe aus der von ihnen konstatierten doppelten Misere, namentlich der gesellschaftlichen wie kulturellen Rückständigkeit gegenüber Europa und dessen Kolonialherrschaft. Über die Notwendigkeit der Akzeptanz und der Beschäftigung mit den modernen Naturwissenschaften waren sich alle einig, erbitterte Debatten entbrannten hingegen darum, welche Philosophie als Fortschrittsträger tauge und welche Rolle der Religion zufallen solle. So hielt beispielsweise Dschamaladdin al-Afghani (1838-1897) die Philosophien von al-Farabi, Avicenna, Schihabaddin Suhrawardi und Mulla Sadra für überholt, erklärte gleichzeitig jedoch den Islam qua ‘Vernunftreligion’ zur unentbehrlichen Grundlage der Zivilisation und machte dafür utilitaristische Argumente stark. Farah Antun (1874-1922) berief sich dagegen auf Averroes als Kronzeugen, um die von ihm mit Vehemenz geforderte Trennung von Philosophie und Religion sowie der weltlichen von der geistlichen Macht zu legitimieren und setzte seine Hoffnungen des weiteren auf sozialistische Lehren. Der Vortrag beleuchtet diese Auseinandersetzungen im Kontext ihrer Zeit und vor dem Hintergrund der von den Autoren thematisierten ‘mittelalterlichen’ Lösungen für Spannungen zwischen Religion und Philosophie. [Text: Prof. Dr. Anke von Kügelgen]


Prof. Dr. Loris Sturlese (Lecce) 

Locutio emphaticaArgumentative Strategien in der Homiletik Meister Eckharts

Samstag, 12. Juli 2014, 10 Uhr c.t., HS 1228 (KG I)

Mehr als 200 Predigten Eckharts sind uns erhalten – etwa 100 auf Latein und etwa 120 auf Mittelhochdeutsch. Der Umfang dieses beeindruckenden homiletischen Corpus zeigt, wie wichtig die Predigt für Eckhart war. Besonders wichtig war aber für ihn die Predigt in der Volkssprache und ihre Verschriftlichung, wodurch er sich von allen anderen zeitgenössischen Theologen von höherem Rang unterschied, welche zwar gelegentlich in der Volkssprache predigten, aber ausschließlich auf Latein schrieben. Im Hinblick auf die Verschriftlichung der deutschen Predigten Eckharts erscheinen heute zwei Fragen als besonders dringend: erstens die Frage nach der liturgischen Rekontextualisierung seiner ganzen homiletischen Materialien, was ein in der Forschung sehr vernachlässigtes Thema ist; zweitens die Frage nach dem literarischen Charakter der Predigten, die nicht auf Mitschriften von Zuhörer(innen) zurückzuführen sind, sondern vom Autor selbst redigiert und veröffentlicht wurden. Locutio emphatica war das Schlagwort, unter das Eckhart seine verschriftlichte Homiletik stellte. Die Analyse einiger Passagen aus Eckharts Responsio (Rechtfertigungsschrift) zeigt, daß er bewußt rhetorische Rede (locutio emphatica) mit philosophischer Argumentation (natiurlîche rede) verbinden wollte, und daß er über den Sinn und die Funktion dieser Verbindung intensiv reflektiert hat. [Text: Prof. Dr. Loris Sturlese]

 

Dr. William Duba (Fribourg)

The Forge of Scotism

Montag, 23. Juni 2014, 14 - 16 Uhr c.t., HS 3219 (KG III)

The academic year 1330-1 in Paris marks a pivotal point in the history of medieval philosophy. From the beginning of the discipline of the history of Medieval Philosophy to the most recent studies, 1330 marks the transition from Scholastic thought’s fervor of adolescence to its long adulthood (to paraphrase Jakob Brucker) or, in more recent terms, from the "Zenith of Philosophical Theology" to its nadir. For Franciscan thought, the years around 1330 mark the final steps towards the canons of textbooks and doctrines of Scotism, culminating in Nicholas Bonetus' systematic rewriting of philosophy, starting with the Metaphysics, to bring it in line with Franciscan tradition. At the University of Paris, the Franciscan bachelor of theology to undergo the rite of passage known as "lecturing on theSentences" was William of Brienne, and a written reportatio survives of this work with aRezeptionsgeschichte so pure, it was never copied, let alone cited; it survives only on the paper that was in the classroom, the original, authoritative reportatio of all 126 lectures on the Sentences and of most of the principia disputations. A unique witness to the daily teaching in the university, this text reveals the mechanics of developing and defending a common doctrine both within the Franciscan school and in university disputations. [Text: Dr. William Duba]

 

Prof. Dr. Charles Butterworth (Maryland)

Alfarabi: Political Science as Natural Science

Montag, 2. Juni 2014, 12.00 - 14.00 Uhr, Breisacher Tor - Rempartstraße 4, Raum 205

Alfarabi (870-950), acclaimed as the "Second Teacher" - second, that is, after Aristotle - is known above all the founder of political philosophy within the Golden Age of Arabic-Islamic culture. Most often, he presents the success of political philosophy and political science as dependent upon certain knowledge about the universe and the place of human beings within it as well as upon an understanding of the human soul. In these presentations, he classes political science among the practical sciences as opposed to the theoretical. In his elusive Book of Letters, however, he depicts it as a counter-part to natural science. This assertion and its implications will be examined here. [Text: Prof. Dr. Charles Butterworth]

 

Prof. Dr. Jan Opsomer (Leuven)

Die Ontologisierung der aristotelischen Kategorienlehre

Samstag, 03.05.2014, 10 Uhr c.t., HS 1228 (KG I)

Die Kategorienlehre des Aristoteles hat ein außerordentlich ontologisches Potential. Anhand der Kategorien lässt sich die Wirklichkeit strukturieren und denken, oder genauer gesagt: Das kategoriale Denken bildet die vorgegebene Struktur der Wirklichkeit ab. Dennoch hat es den Anschein, der ursprüngliche Kontext der Kategorienlehre sei nicht primär ontologisch, sondern vielmehr dialektisch: Die Beherrschung der Kategorienlehre erlaube es jedem, in der Gesprächskunst und beim Erforschen schwieriger Angelegenheiten erfolgreich zu sein. Diese dialektische Deutung der Kategorien schließt immerhin die tiefe ontologische Bedeutung der Kategorienschrift nicht aus. Allerdings ist die Schrift deutungsoffen, was die außerordentlich vielfältige Rezeptionsgeschichte ermöglichte.

Spätere Interpreten haben unterschiedliche Festlegungen vorgenommen. Vom ersten sogenannten Neuplatoniker Plotin wurde die – jetzt eindeutig ontologisch verstandene – Kategorienlehre scharf angegriffen. Seiner Ansicht nach erlauben die Kategorien uns, weder das Werden noch das Sein zu verstehen. Plotins Schüler Porphyr hingegen hat die aristotelische Theorie im Rahmen eines Harmonisierungsversuchs in die platonische Weltauffassung integriert. Dazu hat er einen der meistgelesenen Texte der Philosophiegeschichte verfasst: die Isagoge. Aber erst mit Porphyrs Nachfolger Iamblichos wurde die Kategorienlehre zu einem zentralen Bestandteil der platonischen Ontologie. Diese spannende Geschichte lässt sich in den spätantiken Kategorienkommentaren verfolgen. Die Bedeutung der platonischen Ontologisierung der Kategorien für die Philosophiegeschichte kann kaum überschätzt werden. Denn gerade in der heutigen Ontologie gibt es wiederum Versuche, eine von der klassischen aristotelisch-platonischen Tradition inspirierte Kategorienlehre neu zu entwickeln. [Text: Prof. Dr. Jan Opsomer]

 

Dr. Henryk Anzulewicz (Bonn)

Alberts des Großen Begriff vom Menschen

Samstag, 01.02.2014, 10 c.t. Uhr, HS 1224 (KG I)

Die Frage "Was ist der Mensch?" gehört zu den Kernthemen und wohl schwierigsten Herausforderungen des philosophischen Denkens überhaupt. Die Fülle und Vielfalt anthropologischer Konzepte in Geschichte und Gegenwart offenbart einerseits die Bedeutung dieser Frage und andererseits ihren unabgeschlossenen Charakter.

Kann das Kennenlernen anthropologischer Lösungen der Vergangenheit nicht nur philosophiehistorisch interessant, sondern auch für ein Verständnis unseres Selbst heute lohnend sein? Die anthropologischen Ansichten des Albertus Magnus (ca. 1200-1280), die im Vortrag skizziert werden, können gleichsam als ein Test hierfür gelten. Der Vortrag stellt Anfänge, Entwicklung und Quellen der anthropologischen Reflexion des Albertus vor. Die Darstellung umreißt die Auffassung des Menschen anhand der anthropologischen Synthese De homine des Doctor universalis und schließt mit der Präsentation und Erläuterung seiner anthropologischen Formel homo inquantum homo est solus intellectus sowie einigen kritischen Bemerkungen zur naturalistisch-reduktionistischen Auslegung seiner Anthropologie. [Text: Dr. Henryk Anzulewicz]

 

Prof. em. Dr. Kurt Flasch (Bochum)

Thomas von Aquino über den Teufel. Neue Aspekte

Samstag, 18.01.2014, 10 c.t. Uhr, HS 1010 (KG I)

Der Vortrag von Kurt Flasch gilt der Stellung des Teufels im Denken des Thomas von Aquino. Neben kurzen Hinweisen auf den ideengeschichtlichen Hintergrund (Augustinus, Dionysius Areopagita, Averroes, Petrus Lombardus) untersucht er bei Thomas die Verwandlung des Teufels aus einem Lufttier in einen reinen Geist. Welche theoretischen Vor- und welche Nachteile brachte diese Reform? Abschließend geht der Vortrag kurz auf die Rezeptionsgeschichte ein. Er beweist den Einfluß der Philosophie des Thomas von Aquino auf den Hexenhammer des Heinrich Kramer (Institoris). Er endet mit einem Ausblick auf Pomponazzi, der 1520 in Auseinandersetzung mit Thomas Aquinas eine radikal-philosophische Position ausarbeitete, die Teufel und Engel theoretisch entbehrlich machte, aber für willentliche Anhänglichkeit an sie Platz ließ. [Text: Prof. em. Dr. Kurt Flasch]

 

Prof. Dr. Dorothea Weltecke (Konstanz)

Müssen monotheistische Religionen intolerant sein? Drei Ringe, Drei Betrüger und der Diskurs der religiösen Vielfalt im Mittelalter

Samstag, 14. Dezember, 10 Uhr c.t., HS 1224 (KG I)

Müssen monotheistische Religionen intolerant sein? Diese Frage wird derzeit intensiv diskutiert. Dabei spielen mittelalterliche Ereignisse – die Kreuzzüge, die Inquisition, der Dschihad – eine zentrale Rolle. Auch ist die Epoche zwischen 600 und 1500 zweifellos zentral für die Geschichte der monotheistischen Religionen. So lohnt es sich, die Frage aus der Perspektive der Mittelalterforschung zu durchdenken. Was will die Kategorie Toleranz in diesem Fall z.B. überhaupt besagen? Eignet sie sich als analytisches Instrument zur Beschreibung von Religionen? Welche anderen analytischen Begriffe liegen außerdem vor? Welche Ansätze jenseits absoluter Wahrheitsansprüche wurden bereits im Mittelalter formuliert? Bei der Suche nach den mittelalterlichen Wurzeln der bekannten Toleranzparabel von Lessing wird eine komplexe Welt vielfältiger Schriften sichtbar, die sich mit den Problemen auseinandersetzen, die auch die Gegenwart beschäftigen. [Text: Prof. Dr. Dorothea Weltecke]

 

Prof. Dr. Pasquale Porro (Paris)

Lex necessitatis vel contingentiae. Necessity, Contingency and Providence in Thomas Aquinas´ Universe 

Samstag, 16. November 2013, 10 Uhr c.t., HS 1224 (KG I)

In this lecture, Prof. Dr. Pasquale Porro aims to reconsider, in a critical manner, two specific presuppositions of the Gilsonian interpretation of Thomas Aquinas: 1) the fact that in Aquinas’ metaphysics all beings, which are different from God, are marked by a «radical contingency»; 2) the idea that this contingency is based on the distinction between being and essence; and, more generally, 3) the conviction that Aquinas’ conception of providence represents a radical alternative to determinism and necessitarianism in the Graeco-Arabic tradition. To this end, he will examine the following points: the most common meanings that Aquinas confers upon the notions of necessity and contingency; the relationship between fortune, chance and providence; the conditioned rebuttal of astral determinism; the way in which Divine providence arranges necessary events as well as contingent ones; the contrasting reactions of Siger of Brabant and John Duns Scotus to the model with which Aquinas attempts to safeguard contingency in the providential order; Aquinas’ admission of the existence of formally necessary creatures. In conclusion, he will suggest that Aquinas weakens certain fundamental presuppositions of the anti-deterministic strategy laid out by Aristotle in Book VI of the Metaphysics, that the alternative between necessity and contingency does not represent for Aquinas the genuine point of discrimination between Creator and creature, and that, for this reason, the distinction between being and essence, according to Aquinas, does not, as its primary and principal objective, have to account for the contingency of all created beings.  [Text: Prof. Dr. Pasquale Porro]

Benutzerspezifische Werkzeuge